Archiv für Juni, 2008

Entfesselter Green

Grünes Licht

Vom spätstartenden Pechvogel zur siegreichen Mercedes-Speerspitze: Das Bild von Jamie Green hat sich in den vergangenen Jahren gewandelt. Noch vor zwei Jahren schien auf dem Norisring ein Fluch über dem Briten zu liegen: Wie beinahe gewohnt hatte Green am Start seine Pole Position nicht umsetzen können. Als er später dennoch die Führung übernahm, raubte ihm eine kuriose Überrundung gegen Christian Abt den sicheren Sieg. Ein Kapitel, das Green nun abschließen kann.

“Es war ein tolles Wochenende. Die Strecke war sehr herausfordernd – hier zu gewinnen, ist etwas ganz Besonderes für mich, nachdem es 2006 schon so knapp war”, blickt der neue Meisterschaftszweite zurück. “Ich bin stolz auf dieses Rennen. Es gibt keine vergleichbare Strecke. Sie ist physisch und technisch enorm herausfordernd, vor allem für die Bremsen. Auf den vielen Bodenwellen kann man viel falsch machen.” Obwohl Green nach seinem Blitzstart von Platz zwei aus beinahe das gesamte Rennen in Führung lag, gestaltete sich der Triumphzug keineswegs zur Spazierfahrt.

“Ich bin sehr glücklich und erleichtert – Bruno hat viel Druck gemacht. Ich hatte leichte Probleme mit den Reifen, ich fand ausgangs der Kurven keine Traktion”, schildert Green einen brenzligen teaminternen Zweikampf. Doch anders als in früheren Jahren gab sich der HWA-Pilot auch unter größtem Druck keine Blöße: “Wenn man hier zu weit aus der Kurve herausgetragen wird, nimmt sofort der Grip rapide ab. Mir sind zwei Fehler passiert, die Bruno sehr nah an mich herankommen ließen, aber ich bin mental stark geblieben.”

Ein weiteres Missgeschick belatete Jamie Green nur bedingt. Nach seinem zweiten Boxenstopp hatte man den Engländer ein zu frühes Startsignal gegeben – woraufhin auch die Tankkanne vorübergehend mit auf Reisen ging: “Ich habe den Vorfall mit der Tankkanne nicht gemerkt – daher habe ich mir keine Sorgen gemacht. Ich wurde erst nach dem Rennen darüber aufgeklärt.” Unschlüssig ist sich Jamie Green noch hinsichtlich der Chance auf einen möglichen dritten Saisonsieg in Zandvoort: “Zandvoort ist eine ganz andere Strecke, und dort werden wir zehn Kilogramm schwerer sein als die Audis. Das wird es schwieriger machen – aber wir sind selbstbewusst.”

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Foto: Sutton

© www.KFZ.de 29062008

Green siegt in Nürnberg

Britischer Hattrick

 

Dominant war Audi in die Saison gestartet – nun liegen die Ingolstädter in der Siegesbilanz zurück: Zum dritten Mal in Folge hat mit Jamie Green ein britischer Mercedes-Pilot einen DTM-Lauf für sich entschieden. Die HWA-Mercedes präsentierten sich auf dem Norisring gewohnt souverän: Zu keinem Zeitpunkt schien der Doppelsieg von Jamie Green und Bruno Spengler während eines vergleichsweise ruhigen Norisring-Laufs gefährdet. Bei Audi musste man sich erneut auf Schadensbegrenzung beschränken: Mit Platz drei behielt Timo Scheider die Meisterschaftsführung.

Der Start:

Noch vor der ersten Kurve schob sich Jamie Green nach einem gelungenen Start an Pole-Inhaber Bruno Spengler vorbei. Während Paul di Resta Platz drei behielt, fiel Timo Scheider von Platz vier aus deutlich zurück: Über die inneren Curbs der Grundig-Kehre springend musste der Tabellenführer seinen drei Teamkollegen, allen voran Martin Tomczyk, den Vortritt lassen. Größere Berührungen blieben auf der gesamten ersten Runde aus.

Der Rennverlauf:

Nur vorübergehend durfte sich Tomczyk auf Platz vier über die teaminterne Führung freuen: Mit einem harten Vierkampf sorgte das Abt-Audi-Quartett während der ersten Runden für Brisanz – sehr zur Freude des Führenden Jamie Green, der sich gleich zu Beginn ein Zeitpolster erarbeiten konnte. Paul di Resta scheute beim Versuch, an Bruno Spengler vorbeizuziehen, nicht vor einer leichten Berührung zurück. Zehn Runden nach Beginn des Rennens nahm eine Verbremser-Serie von Martin Tomczyk ihren Lauf…

Verbremser en masse

 

Nach mehreren Ausrutschern, bedingt durch ein klemmendes Gaspedal, war der Bayer bereits ans Ende der Neuwagen-Armada zurückgereicht worden – bevor er seinen Dienstwagen wenig später gezwungenermaßen an der Leitplanke ausrollen ließ. Auch di Resta kam von der Ideallinie ab: Nach beständigen Angriffen von Tom Kristensen drehte sich der Schotte in der Grundig-Kehre – und musste den Abt-Audi sowie Gary Paffett den Vortritt lassen. Als einziger Jahreswagenpilot hatte sich der Brite im 2007er-Mercedes unter die gewohnt dominanten Neuwagen gemischt.

Nur wenige Verschiebungen brachte die erste Boxenstoppphase, die trotz des 24 Runden großen Boxenstoppfensters erneut nahezu gleichzeitig stattfanden: So verteidigten Green und Spengler souverän ihre Führungsposition; hinter Audi-Speerspitze Mattias Ekström schob sich Timo Scheider mit einem vergleichsweise späten Stopp an Tom Kristensen vorbei. Keine Veränderung brachte die zweite Boxenstopprunde: Erneut behielten die fünf Neuwagen dicht gefolgt von Gary Paffett ihre Positionen. Eine Schrecksekunde erlebte Jamie Green: Wegen eines zu frühen Startsignals fuhr der HWA-Pilot samt Tankkanne aus der Boxengasse – und verlor das unerwünschte Mitbringsel erst in der Grundig-Kehre.

Scheider schlägt zu

 

Während Tom Kristensen nach mehreren Verbremser sukzessive zurückfiel, lieferten sich die Mercedes-Jahreswagen einen sehenswerten Kampf um Platz neun: Hatte zunächst noch Maro Engel die Oberhand übernommen, so setzte sich zwischenzeitlich Ralf Schumacher an die Spitze der Verfolger des erneut blassen Bernd Schneider. Nach einem Angriff von Mathias Lauda drehte sich Schumacher in die Auslaufzone der Grundig-Kehre und musste sein Rennen beenden. In letzter Sekunde riss Timo Scheider den einzigen Audi-Podestplatz an sich: Nach zahlreichen Angriffen des Tabellenführers hatte sich Mattias Ekström in der letzten Kurve verbremst.

Der Zieleinlauf:

Mit seinem zweiten Saisonsieg manifestiert Jamie Green seine Ansprüche als Titelkandidat – dicht gefolgt von Vorjahressieger Bruno Spengler. Audi-Speerspitze Timo Scheider betreibt für Audi auf Rang drei Schadensbegrenzung vor Teamkollege Mattias Ekström. Gary Paffett gelingt auf Rang fünf das beste Saisonergebnis eines Mercedes-Jahreswagen – noch vor den Neuwagenpiloten Paul di Resta, Bernd Schneider und Tom Kristensen.

Die Meisterschaft:

Dank seines Podestplatzes behält Timo Scheider mit 32 Punkten die Meisterschaftsführung – ein Punkt hinter dem Audi-Piloten lauert Jamie Green. An die beiden Spitzenreiter schließt sich eine Dreiergruppe aus Paul di Resta, Mattias Ekström und Bruno Spengler mit 26, 25 und 22 Punkten an. Erfolgreichster Jahreswagenpilot ist Gary Paffett mit sechs Punkten.

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Dr. Ullrichs böses Erwachen

Verschlafen

Bereits wenige Sekunden nach dem Erlöschen der Startampeln hatte sich Dr. Wolfgang Ullrichs Miene verdunkelt. Mit mäßiger Begeisterung verfolgte der Audi-Sportchef, wie ausgerechnet seine Speerspitze Timo Scheider ins vordere Mittelfeld durchgereicht wurde. Zur Entspannung Ullrichs trugen auch die brenzligen teaminternen Kämpfe nicht bei. Die Entschädigung für eine strapaziöse Stunde am Kommandostand fiel für ihn eher gering aus…

“Es war ein Kampf bis zum Schluss, und das nicht nur zwischen den beiden Marken – es fanden auch heftige Kämpfe innerhalb der Marken statt. Die Duelle waren aber immer sauber und fair. Das war harter, guter Tourenwagensport”, zog Dr. Wolfgang Ullrich für die DTM eine positive Bilanz. Sein Fazit als Audi-Sportchef präsentierte sich hingegen zwiespältiger. Trotz deutlicher Performancesteigerungen reichte es im Rennen nicht zu einem besseren Resultat als im vergangen Jahr.

Zwar zeigte sich der Österreicher mit dem dritten Platz für seinen Meisterschaftsanwärter zufrieden. Verpassten Chancen trauerte er angesichts der überzeugenden Performance des A4 DTM im Gespräch mit der adrivo Sportpresse dennoch nach: “Es ist selbstverständlich besser, einen Fahrer auf dem Podium zu haben als nur einen auf dem vierten Platz. Wenn man aber in Betracht zieht, was möglich gewesen wäre, wenn Timo seinen Start nicht wieder verschlafen hätte, dann ist das Resultat heute bitter.”

Die zweideutige Kritik seines Kollegen Norbert Haug an Mattias Ekströms Verbremser in der letzten Runde will Ullrich nicht gelten lassen. “Eki hat zunächst einmal versucht, sich an die beiden Mercedes heranzuarbeiten, bekam dann aber durch mehrmaliges Angreifen Probleme”, erläutert der Audi-Sportchef die Entstehungsgeschichte des Missgeschicks. “Man hat bei Mattias nur kurz gesehen, dass es geraucht hat – das scheint für Timo schon gereicht zu haben, um durchzukommen.”

Spekulationen um eine allzu geringe Gegenwehr des Schweden im Kampf gegen den Meisterschaftsführenden weist Ullrich zurück: “Ich weiß nicht, ob er Timo noch hätte abblocken können. Aber es sollte immer vermieden werden, dass sich zwei Teamkollegen gegenseitig in ins Auto fahren – schon gar nicht in der letzten Runde.”

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Norbert Haug rechnet

Formel 1 lässt grüßen

 

Bereits gestern war Norbert Haug im Gespräch über den Norisring ins Schwärmen geraten. Insbesondere die Statistiken hatten ihren Anteil daran – und durften heute nach oben korrigiert werden. “Wir haben hier in den letzten zehn Jahren gleich acht mal gewonnen – das kann sich sehen lassen”, rechnete Haug nach dem erneuten Doppelsieg der HWA-Mercedes vor. In der Meisterschaft sieht er die Wende erreicht.

“Die Formel 1 lässt grüßen”, bilanzierte Norbert Haug im Gespräch mit der adrivo Sportpresse. Ließen sich die Parallelen angesichts der zurzeit dürftigen Siegbilanz der McLaren-Silberpfeile eher weniger ziehen, so passt der Vergleich mit Blick auf die Meisterschaftstabelle umso mehr: “In der Formel 1 sind vier Piloten nach acht Rennen innerhalb von zehn Punkten. Paul di Resta ist Dritter und Bruno Spengler Fünfter, auf Tomczyk haben wir ebenfalls ein paar Punkte Vorsprung. Die ersten fünf sind jedenfalls innerhalb von nur zehn Punkten – die Meisterschaft ist wieder völlig offen.”

Von Beginn an durfte der Mercedes-Sportchef das Rennen mit Genugtuung verfolgen. “Die Jungs haben wirklich einen tollen Job gemacht. Als Bruno den Start nicht 100-prozentig hinbekommen hat, war das sicherlich schon eine Vorentscheidung”, beobachtete Haug, dessen Freude lediglich durch Paul di Restas verlorenen dritten Platz getrübt wurde: “Ich weiß nicht, ob da eine Berührung dabei war oder ob er sich einfach so gedreht hat. Es sah ein wenig eigenartig aus.”

Gewohnt souverän präsentierten sich hingegen Jamie Green und Bruno Spengler auf ihrer Fahrt zum Doppelsieg. “In der Vergangenheit haben wir uns hier dominanter gezeigt – aber unsere Fahrer sind so schnell gefahren, wie sie mussten. Sie haben sich das Rennen intelligent eingeteilt”, lobte Haug – und rechnete mit Blick auf den Meisterschaftszweiten Green vor: “Ohne den Verbremser von Ekström hätten wir Gleichstand bei den Punkten…”

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Scheiders Geistesblitz

Vorbild Aiello

Den Sieg hatte Timo Scheider heute von Startplatz vier aus in Angriff nehmen wollen – und musste seine Agenda für das Rennen bereits auf den ersten Metern ändern. “Ich habe meinen Start ziemlich versaut – ich hatte viel mehr Grip als erwartet”, begründet der Meisterschaftsführende seine deutlichen Positionsverluste in Runde 1. “Der Start tut mir leid, denn ich hätte es einfacher haben können, wenn ich auf Platz vier geblieben wäre.” So jedoch konnte Scheider aus einer schwierigen Position heraus erneut seine fahrerische Höchstform unter Beweis stellen…

Vom vorderen Mittelfeld aus kämpfte sich Scheider bis auf Rang drei vor – und erklomm damit zum fünften Mal in sechs Rennen das Podest. “Ich hatte sensationelle Boxenstopps und eine gute Strategie – das hat es mir ermöglicht, wieder nach vorne zu kommen. Wir hatten im letzten Renndrittel das schnellere Auto”, zeigt sich Scheider selbstbewusst. Wenige Kilometer vor Schluss hatte sich der Abt-Audi-Pilot bereits fast mit Platz vier hinter Mattias Ekström abgefunden – bis die Erleuchtung kam.

“Wer den Champion Mattias Ekström kennt, weiß, wie der fighten kann. Ich hatte in den letzten Runden massive Probleme, immer wieder blieb mir in der Dutzendteich-Kehre ein Rad stehen. “Es hat nie gereicht, mich an ihm vorbeizuquetschen”, stellte Scheider fest. “Dann aber habe ich mich an 2002 erinnert, als Laurent Aiello Bernd Schneider in der letzten Runde den Sieg entrissen hat. Ich habe gedacht, irgendwie muss es doch funktionieren.” Und tatsächlich blieb Scheider im teaminternen Duell nicht der einzige, dessen Räder ungewollt blockierten…

Mit scheinbarer Leichtigkeit erbte der Sieger von Oschersleben am Ende Platz drei von Mattias Ekström: “Dann ist auch Mattias die Vorderachse stehen geblieben – das gab mir die Chance, innen hereinzuziehen. Danke an Mattias, dass er so fair gefahren ist.” Selbst hatte er sich seinen schonenden Umgang mit dem in Nürnberg traditionell angegriffenen Material zu verdanken: “Ich hatte bis zum Ende eine sehr gute Bremse – das war der Schlüssel zum Erfolg. Ich habe versucht, so langsam und progressiv zu bremsen, dass die Bremsen nicht überstrapaziert werden. Das hat funktioniert.”

Seit nunmehr zwei Monaten steht Timo Scheider an der Spitze der Meisterschaftstabelle – eine einst nach der traditionellen Norisring-Niederlage aus Ingolstädter Sicht ungewohnte Situation: “Wir haben Druck auf Mercedes ausüben und die Meisterschaftsführung halten können – damit ist das Minimalziel erreicht.”

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